Stolperstein für Martha Less und ein Besuch aus London

wrassWas hat ein  Stolperstein mit James Bond zu tun ? Eine ganze Menge, denn früher wurde in den 007-Filmen alles synchronisiert wurde, was weiblich und attraktiv war. Wobei es nicht um die deutsche Fassung der Filme geht, sondern um die Originalfassung und damit um die englische Stimme von Stars wie Ursula Andress. Diese englische Stimme gehörte ausgerechnet einer Berlinerin: Nikki van der Zyl. Sie arbeitete von 1962 bis 1979 als Synchronsprecherin für 10 Bondfilme und sprach u.a. die Rollen von Ursula Andress („Dr. No“), Shirley Eaton („Goldfinger“) und Jane Seymour („Leben und sterben lassen“). Nikki van der Zyl’s Bond-Vergangenheit  ist allerdings nicht Thema dieses Beitrags, sondern die Verleihung eines Stolpersteins zum Gedenken an ihre Großmutter Martha Less. Initiert haben diesen Stolperstein Cosima Wraßmann und Matthias Zarbock, der auch die Rede zur Verlegung des Stolpersteins für Martha Less hielt.

Sehr geehrte Anwesende,

als ich vor einigen Jahren mit den Recherchen begann, mit dem Ziel, einen  Stolperstein für ehemalige Bewohner dieses Häuser zu beantragen, wusste  ich nicht, dass am Tage der Verlegung eine Verwandte und Nachfahrin  anwesend sein würde. Umso mehr freut es mich, dass Nikki van der Zyl bei  uns ist. Sie und ihr Mann George Rooker weilen gerade in Berlin, weil am Sonntag im Pankower Museum eine unbedingt sehenswerte Ausstellung eröffnet  wurde, die sich mit der eindrucksvollen Geschichte der Familie Less/Van der Zyl und mit der Künstlerin Nikki van der Zyl beschäftigt. Sie ist die  Enkelin von Martha Less, die im Haus Charlottenburger Straße 141 lebte.
Ich danke Günter Demnig und den MitarbeiterInnen des Museums Pankow, besonders Frau Kirchhöfer dafür, dass wir heute die Verlegung des  Stolpersteins für Martha Less vornehmen können und für die vielen Hinweise und Informationen. Und ich danke allen, die hier mit uns stehen.
Wir gedenken damit 69 Jahre nach ihrem Tod der ehemaligen Bewohnerin dieses Hauses, Martha Less. Martha Less wurde am 1. Mai 1884 in Breslau  als Martha Struck geboren. Dort lernte sie Leo Less, den Besitzer des Herren- und Knaben-Konfektionsgeschäftes „Less Kleidung“ in der Berliner  Allee 234 (heute die Nummer 73) kennen und wurde seine Frau. 1909 wurde  die Tochter von Martha und Leo Less geboren. Anneliese wird später die  Frau des Rabbiner Werner van der Zyl. Martha Less wohnte mit ihrem Mann bis Mitte der 30er Jahre in der Albertinenstraße 18. Leo Less musste 1934 sein Geschäft aufgeben und sein Haus verlaufen. Dann mussten die Eheleute ihre angestammte Wohnung verlassen und nun wohnten sie in der Charlottenburger Straße 141. Martha Less musste ab 1939 Zwangsarbeit verrichten. Ihre Tochter Anneliese verließ mit ihrer Familie Deutschland.
Leo Less starb im Januar 1942 und wurde auf dem Weißenseer Jüdischen Friedhof begraben. Martha Less musste in die Israelitische Taubstummen-Anstalt in der Parkstraße 22 umziehen. Der Öffentlichkeit und ihr wurden Glauben gemacht, sie würde dann einen „Heimplatz“ erhalten und sie musste dafür ihr gesamtes restliches Vermögen aufgeben. Mit dem 2. Großen Alterstransport wurde sie am 14. September 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Als letztes Datum ihres Lebens nennen die verfügbaren Quellen den 23. Oktober 1944, den Tag, als Martha Less nach Ausschwitz deportiert wurde. Sie war damals 60 Jahre alt.
So weit die schmalen Fakten ihres Lebens. Wenig ist, was auf einem solchen Stolperstein steht. Wenig ist es, was wir über die Millionen Einzelnen wissen, die Opfer des Faschismus geworden sind. Wenn wir nicht nach ihnen und ihren Geschichten fragen, ihre Namen nennen und ihre Geschichten erzählen, erhalten sie kein Gesicht. Dass wir mehr über ihren Leidensweg nach der Machtübernahme der Nazis wissen, als über ihr ganz normales Leben, ist bedenklich.
„Die Toten sind nicht tot“, hat Heiner Müller gesagt, weil ihre Leben, ihre Leiden, ihre Tode fortwirken und es eine sogenannte „Aufarbeitung“ nicht geben kann. „Grenzstein des Lebens, nicht der Liebe“, steht auf vielen Grabsteinen. Martha Less hat kein Grab, ihr Name steht auf dem Grabstein ihres Mannes auf dem jüdischen Friedhof. „Ein Grab in den Lüften“ nannte dies Paul Celan, dem man nicht vorwerfen kann, leichtfertig ein Bild für die in Ausschwitz Verbrannten gesucht zu haben.
Ich habe mit Freunden über das Schicksal von Martha Less gesprochen. Einer schrieb mir: „Wie geht es dieser Frau, die ihr angesehenes Leben geführt hat, bis Demütigung nach Demütigung es nach oder nach oder unvermittelt und plötzlich auseinander fallen ließen. Wie einsam muss man sein, der Mann gestorben, die Tochter emigriert – hätte man mitgehen können / sollen – aber wo ist Heimat und wie weit will man glauben, dass das Leben, das man lebte, dauerhaft weg ist? Ist es hilfreich zu wissen, dass die Tochter in Sicherheit ist oder letztendlich nur schmerzhaft, alleine zu sein? Welche Hoffnung gab es dann noch einmal, den letzten Rest, der noch geblieben war, für einen Heimplatz zu geben, in der Hoffnung, dieser Hölle zu entgehen, um dann festzustellen, dass das der letze Schritt dieser perfiden Propaganda war. Reicht dann die Kraft, an eine Zukunft zu glauben? Wie unglaublich muss dieser Moment der Erkenntnis sein.“
Wir denken an Martha Less, auch wenn wir sie nie kennen lernen durften, auch wenn sie uns nicht die Antwort auf diese Fragen geben konnte.
Ich lade alle Anwesenden zu einem Spaziergang ein: Keine 100 Schritt von hier befindet sich das ehemalige Haus Berliner Allee 234, wo sich das Konfektionsgeschäft Leo Less befand. In der Albertinenstraße 18 – direkt gegenüber dem Parks am Weißen See – befand sich die eigentliche Heimat der Familie. In der Taubstummen-anstalt in der Parkstraße 22 ist heute die Elisabeth Schule beheimatet. Auch dort gibt es eine Gedenktafel.

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Besuch von Nikki van der Zyl anläßlich der Verlegung des Stolperstein für ihre Großmutter Martha Less mit den Initiatoren Matthias Zarbock und Cosima Wraßman

Der Stolperstein

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Die ehemalige Wohnstätte in der Charlottenburger Straße

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Eine englische Version der Rede und ein paar Bilder (u.a. auch die hier gezeigten) gibt es auf der offiziellen Webseite, die auch viele Artikel zur Karriere von Nikki van der Zyl und ihrer Autobiographie.

Hier gibt es weitere Bilder vom Berlin – Aufenthalt:
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Sehr empfehlenswert ist auch die Ausstellung im Musum Pankow: „Night Flight to Berlin“
Night Flight to Berlin

Quellen (u.a.):
> Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der
> nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945
> Bernt Roder – Ansprache anläßlich der Kranzniederlegung auf dem jüdischen
> Friedhof in Weißensee, 8.11.2013
> Night Flight to Berlin – Ausstellung im Museum Pankow, 2013
> Gedenktafel Berliner Allee 73
> Joachim Bennewitz – Rede anlässlich der Wiederanbringung der Gedenktafel
> Berliner Allee 73
> Alle Erinnerung ist Gegenwart. Rundgänge zu Orten jüdischen Lebens in
> Weißensee und Hohenschönhausen. Berlin, 1998
> Inge Lammel – Jüdische Lebenswege. Hentrich & Hentrich, 2007
> Juden in Weißensee. Edition Hentrich, 1994
> Grab Nr. 107322 auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee

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